Offener Brief eines Rothneusiedlers an Ulli Sima und Dr. Goldschmid
Wien, 23.07.2007
Sehr geehrte Frau Dr. Goldschmid!
Sehr geehrte Frau Mag. Sima!
Ich bin ein Spross einer „alteingesessenen“ Familie, die seit Generationen „am Liesingbach“ wohnt. So war mein Vater an der Regulierung nach dem 2. Weltkrieg mitbeteiligt und so haben wir uns sehr über den naturnahen Rückbau am Ende des 20. Jhdt. sehr gefreut.
Die veröffentlichten Gründe dafür, das schaffen neuer Lebensräume für Tiere und als Rückzugsgebiet für Fauna und Flora nahm auch langsam Form an. Ob es diese horrenden Summen wert war, ist eine anderer Diskussionspunkt.
Heute, noch keine 10 Jahre danach, dürfte der Wind wieder aus einer anderen Richtung wehen:
Anhand des kleinen Teiches Höhe Oberlaaer Strasse ~150, der seit heuer ausgetrocknet wurde:
Es gab einen kleinen Wasserzufluss und - obwohl das ganze nur sich selbst überlassen war - freuten sich meine Kinder (jetzt 4 und 6 Jahre) über das Schilf, über die Fische, Frösche und über die anderen Lebewesen darin. Es entging uns nicht, dass seit dem Frühjahr kein Wasser mehr gespeist wurde und in kurzer Zeit Fische starben und die Frösche weiterwanderten.
Nun dachten wir zunächst an einen Zufall, als wir jedoch bei diversen Ausflügen entlang der Liesing entdecken mussten, dass ausnahmslos ALLE Teiche ausgetrocknet worden sind, müssen wir annehmen, das da System dahinter steckt! Und nicht nur deshalb, weil heuer ein trockenes Jahr ist (siehe Zufluss im Frühling)!
Ist nun diese halbwegs naturnahe Liesing der Stadtentwicklung im Wege?
Stört sie das Projekt Magna Megacity?
Will man die Ufer der Liesing zu einem reinen Hundeauslauf wie schon z.B. das Erholungsgebiet Wienerberg (mit von Hunden zerstörten Ufern) degradieren?
Ist das investierte Geld für diese Rückbauten plötzlich nicht mehr relevant?
Wir erbitten höflichst Ihre Stellungnahme!
Antwort von Dr. Ulrike Goldschmid [MA 45 -Wasserbau] am 26.07.2007
Wien, 26.07.2007
Danke für Ihr Interesse am Rückbau des Liesingbaches.
Die MA 45 - Wasserbau möchte Ihnen versichern, dass an keinen "Rückzug vom Rückbau" gedacht ist. Die Planungsarbeiten für den nächsten Bachabschnitt von der Großmarktstraße bachaufwärts bis zur Gutheil Schoderstraße sind abgeschlossen und wasserrechtlich bewilligt. Derzeit erfolgt die Erstellung der Ausschreibungsunterlagen und im Frühjahr 2008 soll der Baubeginn sein. Wie Sie wissen ist der Wasserbau in diesem Fall immer von der MA 30 - Kanalbau abhängig, die ja im Nahbereich des Baches wieder einen Kanal errichtet. Unser Zeil ist noch immer, den gesamten Liesingbach auf Wiener Stadtgebiet bis 2015 renaturiert zu haben. Außerdem sind wir durchaus der Ansicht, dass sich das investierte Geld gelohnt hat, einen attraktiven Korridor durch die Stadt für die erholungssuchende Bevölkerung sowie Tiere und Pflanzen zu schaffen. In den bisher wiederhergestellten 5,5 km gibt es mittlerweile wieder 7 Fischarten, viele seltene Libellen, Teichhühner, Graureiher und im Winter hat auch ein Biber hier Station gemacht.
Zu den von Ihnen angesprochenen Bereichen bleibt zu sagen, dass es sich dabei nicht um Teiche handelt sondern um großzügige Bachaufweitungen, die nur bei höheren Wasserspiegellagen (etwa ab Mittelwasser) eingestaut sind. Es war geplant, dass hier nur wechselfeuchte Uferstandorte mit Röhricht entstehen. Da seit Jänner 2006 die Kläranlage Blumental abgeschaltet ist und daher 600 l/sec, weniger im Liesingbach rinnen, er also nur mehr seine natürliche Wasserführung hat, fallen derartige Uferbereiche trocken. Zudem haben wir einen extrem trockenen Winter und Frühling hinter uns und dementsprechend extremes Niedrigwasser. Dies ist aber ein völlig natürlicher Zustand und Sie können dieses Phänomen an allen Wienerwaldbächen beobachten. Manche fließen in derartigen Zeiten sogar streckenweise nur unterirdisch.
Bei der Liesing ist derzeit besonders interessant, dass sie beginnt ihr Bachbett soweit selbst zu gestalten, dass sie eine deutliche Niederwasserrinne ausbildet und so wertvolle Schotter- und Schlickinseln entstehen, die extrem dynamische Standorte sind, die von vielen Pflanzen und Tierarten genützt werden. Beim nächsten Hochwasser kann der Bewuchs dann wieder vom Bach abgetragen und sogar die Insel umgelagert werden. Genau das war ein sehr wesentliches Ziel der Renaturierung, dass die Liesing innerhalb gesteckter Grenzen, also der Böschungsbereiche, ihr Bachbett selbst gestaltet. Es ist ein sehr spannender und dynamischer Prozess und wenn Sie den Bach unter diesen Gesichtpunkten betrachten werden Sie viel Neues entdecken können.
Zu den von Ihnen angeführten Kosten von 50 Mio EUR dürfen wir Ihnen mitteilen, dass der Kanalbau in dem restrukturierten Abschnitt von der Stadtgrenze bis zur ehemaligen Kläranlage Blumental EUR 32 Mio und der Wasserbau 8 Mio EUR gekostet hat. Wir sind der Ansicht, dass dieser Betrag für einen funktionstüchtigen, ökologischen Fluss durchaus vertretbar ist. Dass der Kanalbau dringend notwendig war zeigt die drastische Verbesserung der Wasserqualität nach Abschalten der Kläranlage Blumental und vor allem der gesonderten Ableitung der warmen Schwefelabwässer aus der Therme Oberlaa.
Die Liesing ist einer Stadtentwicklung in keinem Fall im Wege, im Gegenteil, Wohnen am Wasser ist sehr gefragt und wenn man einen so großen und vielseitig nutzbaren Erholungsraum vor der Wohnungtür hat, sicher auch ein guter Beitrag zum Klimaschutz.
Mit freundlichen Grüßen.
Dr. Ulrike Goldschmid
Weitere Frage an Dr. Goldschmid am 27.07.2007
Wien, 27.07.2007
Sehr geehrte Frau Dr. Goldschmid!
Herzlichen Dank für Ihre ausführliche Antwort. Tatsache ist, dass sich dort jedoch ein Idyll entwickelt hat, ein wunderbares Biotop mit vielen verschiedenen Tier- und Pflanzenarten. Und zumindest die Fische sind verendet.
Vielleicht wäre es ein kostengünstige Lösung wieder diesen kleinen Zufluss zu aktivieren?
Außerdem sollte die Ufer vor den Hunden geschütz werden, die dort alles zertreten. Verstehe schon, dass sich die Tiere über das Wasser freuen, jedoch sollte/muss man die Natur vor den domestizierten Tieren doch schützen. (Siehe zertretene Ufer am Wienerberg!)
Herzlichen Dank für Ihr Verständnis!
Antwort von Dr. Ulrike Goldschmid [MA 45 -Wasserbau] am 02.08.2007
Wien, 02.08.2007
Ich habe nochmals mit meinem Kollegen Herrn Fellinger Rücksprache gehalten betreffend des "Zulaufes" den Sie in der gegenständlichen Bachaufweitung sehen:
Es gibt in dem gegenständlichen Bereich keinen Zulauf, nicht einmal ein Drainage der umliegenden Felder. Zwischen linkem Ufer und Insel ist ein Hochwasserentlastungsgraben, der ab einem 5 jährlichen Hochwasserereignis anspringt und dann fließt die Liesing nicht nur im Hauptbett, sondern auch in diesem Nebenkanal. Natürlich kann es sein, dass nach dem Hochwasser in der Senke Wasser stehen bleibt und sich auch für gewisse Zeit hält, da wir stellenweise Feinsedimente eingebracht haben, um die Ansiedlung von Röhricht zu erleichtern. Es handelt sich dabei aber nur um temporäre Kleinstgewässer, die bei Trockenheit wieder verschwinden. Der Naturschutz wünscht sich derartige Bereiche, die sich oftmals nach sehr nassen Wintern mit viel Schnee und Regen als Laichbiotope für Amphibien eignen. Gerade das Trockenfallen im Sommer garantiert in diesen Gewässern ein Aufkommen von Jungamphibien, da sie durch das Austrocknen fischfrei bleiben. Derartige temporäre Gewässer treten eben in manchen Jahren auf, in sehr trockenen, wie dem heurigen gibt es sie eben nicht.
Der von Ihnen beschriebene Zulauf kann nur Sickerwasser aus der Liesing gewesen sein. Da haben Sie völlig recht, voriges Jahr hatten wir wesentlich mehr Wasser in der Liesing als heuer und da kann, bedingt durch den Verlauf der Liesing, Wasser in diesen Bereich eingesickert sein. Ich habe Ihnen ja bereits berichtet, dass die Liesing derzeit ihren Niederwasserverlauf selbst zu gestalten beginnt, und heuer durch den geringen Niederschlag sehr wenig Wasser in der Liesing ist. Dadurch kann es durchaus sein, dass in diesem Bereich kein Wasser aus der Liesing in die Mulde sickert, weil der Bachverlauf mehr am rechten Ufer geht. Wenn sich die Abflussverhältnisse nächstes Jahr durch mehr Niederschlag wieder ändern, kann es dann auch in dieser Senke wieder Wasser geben.
Im Fall der Liesingböschungen können Hunde keine Schäden anrichten, da sie bis zum 2 jährlichen Hochwasserabflussbereich durch Wasserbausteine gesichert sind und die Böschungsbereiche darüber mit Kokosmatten, die die Böschungen sichern bis sich eine trittfeste durchgehende Grasnarbe ausbildet hat. Radfahrer und Starkregenereignisse sind da viel schädlicher als Hundepfoten. Da wir die Liesing aber auch als attraktiven Erholungsraum für die Bevölkerung revitalisieren, möchten wir sind nicht einzäunen und nicht mit Verbotstafeln zupflastern. Ich bin sicher, das würde auch nicht Ihren Vorstellungen entsprechen.
Mit freundlichen Grüßen.
Dr. Ulrike Goldschmid
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